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alt§ 11 DES TIERSCHUTZGESETZES UND SEINE AKTUELLEN AUSWIRKUNGEN

Jeder der mich kennt weiß, dass Tiere für mich einen sehr hohen Stellenwert besitzen, und mir zuweilen sogar lieber sind als mancher Mensch. Insofern wäre die Änderung des Paragraphen 11 im Tierschutzgesetz vom Juli 2013 grundsätzlich erst einmal positiv zu sehen. Beinhaltet die Neuerung doch die Grundlagen für einen künftigen Hundeführerschein, mit dem man nachweisen muss, dass man in der Lage ist, einen Hund artgerecht zu halten und zu führen. Ein Hoffnungsschimmer für all die Hunde, die in unzumutbaren Verhältnissen dahinvegetieren müssen oder von ihren Besitzern als Mittel zum (manchmal äußerst fragwürdigen) Zweck gehalten werden.

Die einzige Sorge, die sich mir in diesem Zusammenhang aufdrängt, wäre, wie man mit älteren Leuten und deren vierbeinigen Sozialpartnern umgehen wird, denn ein Hundeführerschein verursacht Kosten und den Stress einer Prüfung, was man einer achtzigjährigen Oma, die ihren zehnjährigen Cockerspaniel mit beginnender Arthrose wegen zu gut gemeinter Fütterung ohnehin nur an der Flexileine spazierenführt. Das Beispiel mag übertrieben sein, aber solche oder so ähnlich gelagerte Fälle gibt es und ich bezweifle, dass diese Menschen alle in der Lage sind, von ihrer mageren Rente und mit einem womöglich schon leicht tüddeligen Wesenszug solch eine Prüfung zu meistern. Ob es da Sonderregelungen und Einzelprüfungen geben wird, bleibt nach wie vor abzuwarten und wäre im Hinblick auf den sozialen und gesundheitlichen Aspekt der Hundehaltung wünschenswert. Allerdings habe ich da leider inzwischen meine Zweifel, ob die zuständigen Behörden einen solchen Weitblick an den Tag legen.


Diese Zweifel werden jüngst geschürt durch die zweite Gruppe von Personen, die von den Änderungen des § 11 betroffen sind. Jeder, der gewerblich Hunde führt, ausbildet oder deren Besitzer bei der Ausbildung anleitet muss dafür künftig auch zunächst einen Nachweis erbringen, dass er dazu befähigt ist. Kurzum: auch Hundetrainer und Verhaltenstherapeuten sollten mit dem §11 ab 01.08.2014 dazu gezwungen werden, ihr Wissen und Können erst einmal unter Beweis zu stellen, ehe sie auf Hunde und deren zuweilen ratlose Besitzer losgelassen werden. Man hätte meinen können, dass damit dann endlich allen selbsternannten Gurus und Möchtegern-Trainern, die seit Jahrzehnten ohne Sinn und Verstand (und auch ohne jegliche qualifizierte Ausbildung) mit fragwürdigen Methoden Hunde trainieren, das Handwerk gelegt werden könne.

Wäre es so gekommen, hätte Grund zum Jubeln bestanden. Doch weit gefehlt!

Es sind wieder mal „die anderen“ die darunter zu leiden haben. Nämlich diejenigen, die nicht zu dem dubiosen Personenkreis gehören, sondern mit Herz und Seele und sehr viel Liebe einer Berufung nachgehen, um Hund und Halter zu einem harmonischen Zusammenleben zu verhelfen. An denen kratzt das deutsche Veterinäramts-Wesen, weil sie viel einfacher zu packen sind, als irgendwelche Hinterhof-„Trainer“. Grund dafür, als Dorn im Auge der Tierärztekammer angesehen zu werden, scheint bereits, dass selbige am Einzelnen noch kein gutes Geld verdient hat; sprich: der qualifizierte Trainerschein andernorts erworben wurde. Da spielt es keine Rolle, ob er inhaltemäßig ebenso dem Tierschutzgesetz und dessen §11 gerecht wird oder nicht. 

Aber mal im Einzelnen. Der §11 entpuppt sich derzeit als eine einzige Katastrophe, bei der man gar nicht so recht weiß, wo man mit der Kritik anfangen soll. Ebensowenig wie die Zuständigen wissen, wer wofür verantwortlich ist und wie man den Erfordernissen gerecht werden soll, was das alles kosten soll und welche Konsequenzen eventuelle Versäumnisse (die meist erst durch die Stellen der Zuständigen und nicht durch die Betroffenen verursacht wurden) nach sich ziehen werden.

Zunächst einmal wurde der 01.08.2014 als Zeitpunkt des Inkrafttretens festgelegt und das Bundesministerium damit beauftragt, zeitnah zur Gesetzesverabschiedung im Sommer 2013 Richtlinien festzulegen, wie eine Prüfung der Hundehalter und Hundetrainer auszusehen habe, welche Inhalte sie umfassen muss und wer zur Durchführung der Prüfung und Erteilung der entsprechenden Sachkundenachweise, Hundeführerscheine und Trainerausbildung befugt ist.

Soweit die Theorie.
Passiert ist von dort rein gar nichts!

Die Unsicherheit in Kreisen der versierten und verantwortungsbewussten Hundetrainer wuchs, doch sie wurden von ihren Ausbildungsinstituten (die im Übrigen bisher Prüfungen durchgeführt und Trainerscheine ausgestellt haben – auf Basis stetig weiterentwickelten Fachwissens über Hunde, Hundeverhalten und Hundetraining) stets beruhigt, dass nichts zu befürchten sei und man erst handeln müsse, wenn die Richtlinien feststünden bzw. bekannt gemacht würden. Derweil entwickelten die Ausbildungsinstitute ihre eigene Ausbildungsleitlinien gemäß dem §11 weiter, da der ja letztlich vor allem eines im Sinn hat: Das Wohl und die Gesundheit des Hundes sowie seine zuverlässige Führbarkeit in unserer heutigen Gesellschaft, ohne dass er eine Gefährdung darstellt.

Eigentlich ganz einfach.
Eigentlich!

Da aber nun die Monate verstrichen, ohne dass sich großartig was tat, haben zumindest einige Ausbildungsinstitute einen Antrag auf Anerkennung ihrer Trainerausbildung beim zuständigen Ministerium gestellt. Ob und wie über diese Anträge entschieden wird, bleibt ungewiss. Nun sollen die Veterinärämter, die auch schon seit vielen Jahren für die Abnahme von Zuchtstätten zuständig sind, künftig auch die Fähigkeiten der Hundetrainer kontrollieren und ggf. absegnen. Im Grunde ist das  so auch okay, wenn dies mit Sinn und Verstand erfolgt.

Kurz vor knapp sozusagen kommen nun aber eben die Veterinärämter – oder besser gesagt deren übergeordnete Instanz: die Tierärztekammer – zu dem Schluss, wenn das Bundesministerium sich nicht der ihm gestellten Aufgabe annimmt, tun sie das und übernehmen neben der Durchführung (für die sie ja vorgesehen sind) auch gleich die Festlegung (was ja eigentlich Sache des Bundesministeriums gewesen wäre) der neuen Richtlinien etc. Im Fachjargon nennt man sowas schlicht Kompetenzüberschreitung, denn das derzeitige Vorgehen der Tierärztekammer erfolgt eindeutig unberechtigterweise, da das Gesetz ihm keinerlei Befugnis dafür gibt, Richtlinien und Prüfordnungen festzulegen. Kammer und Ämter tun es trotzdem! Schließlich halten sie mit dem 01.08.2014 die Macht in Händen, über das Erteilen oder Entziehen von Trainerlizenzen zu entscheiden, und zwar ganz so, wie sie gerade meinen.

Was daraus entsteht, ist ein Wust ein Willkür und Durcheinander, bar jeglicher Vernunft und Struktur, weder durchgängig nachvollziehbar noch im Einzelnen begründbar und ganz sicher nicht zum Wohle der Tiere, sondern eher zum Wohle der Veterinäramts-Kassen und dem ureigensten Stolz der Tierärztekammer.
Nach wie vor gibt es keine konkret offengelegte Prüfordnung, sondern nur allerhand Bücher, mit denen sich die Hundetrainer auf den sogenannten D.O.Q. pro-Test mit theoretischem und praktischem Teil, sowie einem sogenannten „Fachgespräch“ vorbereiten sollen.

Da werden auf einmal Gebiete aus der Veterinärmedizin mit in die Prüfungsordnung genommen. Als ob ein Trainer über neurologische Krankheitsbilder und deren Auswirkungen Bescheid wissen müsste. Wenn ein Hund krank ist, ist dies das Aufgabengebiet eines studierten und wesentlich besser bezahlten Tierarztes, nicht eines Trainers. Oder werden die Spieler der Nationalmannschaft künftig auch nicht mehr von Hr. Dr. Müller-Wohlfahrt, sondern von Hr. Löw behandelt?

Hingegen verleiht die Approbation als Tierarzt neuerdings die Berechtigung, eine Hundeschule zu betreiben, ohne je mit Hunden in der Ausbildung und Korrektur gearbeitet zu haben. Da stellen sich mir die Haare zu Berge, vor allem wenn ich so manchen Tierarzt in der Praxis erlebe, und sehe, wie er mit den Hunden umgeht. Das kann nur in die Hose gehen!

Nachfragen bei den Veterinärämtern stoßen derzeit recht variabel auf Überforderung, Unwissenheit und sogar Aggression. Entweder aufgrund der Tatsache, dass die Mitarbeiter dort selbst noch nichts wissen und noch weniger verstehen vom neuen Vorgehen bei der Vergabe von Trainerlizenzen, oder weil einige von ihnen gar das Gefühl haben, man wolle ihnen persönlich etwas vorenthalten, was ihnen zusteht. Geld? Macht? Oder etwas aufzwingen, was sie nicht haben wollen. Verantwortung? Gerechtigkeit bei den Entscheidungen?

Die Bewertung von Personen mit Trainerschein fallen jedenfalls sehr ungleich aus. Hat jemand einen der zugelassenen Scheine, so gilt er – selbst wenn er ihn erst zwei Tage in der Tasche hat – als weitaus fähiger wie ein Trainer, der seit drei Jahren erfolgreich und gemäß den Vorgaben des §11 Hunde trainiert, aber leider den falschen Schein in der Tasche hat. Wenn er zumindest seit fünf Jahren Hunde ausbildet (wie es z.B. das Veterinäramt Marburg handhabt), kann er das Glück haben, für günstige 73 Euro eine vorübergehende Genehmigung seines Veterinäramtes zu erhalten, die bis Februar 2016 gilt.
Und was dann???

Anerkannt werden derzeit auch nur bestimmte Scheine wie z.B. von der Tierärztekammer Schleswig-Holstein oder der IHK Potsdam. Die meisten anderen fallen durchs Raster. Eine Begründung gibt es nicht. Man setzt sich vermutlich auch nur ungern mit den Inhalten der „fremden“ Trainerausbildungen auseinander, um zu erklären, wo die Unterschiede und ggf. Defizite liegen. Man könnte ja schlimmstenfalls feststellen, dass es gar keine gibt und man ohne teuren D.O.Q. pro-Test eine Genehmigung erteilen müsste.

Die laufenden Anträge der Ausbildungsinstitute auf Anerkennung ihrer Prüfordnungen werden bei den Anträgen der Trainer völlig außer Acht gelassen, und wer nicht seit mindestens 5 Jahren eine Hundeschule leitet, darf auch nicht auf eine Übergangsregelung hoffen, bis über die Zertifizierungs-Anträge entschieden ist. Das würde für den Einzelnen im schlimmsten Fall bedeuten, er muss den teuren D.O.Q. pro-Test machen, wenn er weiter Hunde trainieren will und bleibt auf den Kosten auch dann sitzen, wenn seine bisherige Trainerausbildung in ein paar Monaten zu den zugelassenen gehören sollte. Eine Rückerstattung ist nämlich nicht vorgesehen. Ein Haufen Aufwand und Kosten für nichts.

Bedenkt man, dass die Mehrzahl der Hundetrainer diesen Job aus Liebe und Leidenschaft zum Hund neben ihren Vollzeitberufen abends und am Wochenende ausführt, in der Regel als verantwortungsvolle Trainer ständig auf eigene Kosten Weiterbildungen und Seminare besucht und auch eine Hundeschule laufende Kosten für Equipment, geeignetes Trainingsgelände etc. verursacht und die bereits zuvor erworbene Trainerausbildung auch nicht gerade günstig war, sieht man schnell, dass dies eine unzumutbare Härte darstellt, die die meisten Hundeschulen zur Aufgabe zwingen könnte. Und das, wo man gerade mit dem Hundeführerschein ja darauf hinarbeiten will, dass Hundehalter kundig und fair mit ihren Hunden umgehen und sie so halten und erziehen sollen, dass sie keine Gefahr darstellen. Wie bitteschön soll das aber ohne ausreichende Anzahl von Hundeschulen und –trainern funktionieren?

Die anerkannten Trainerausbildungen variieren ebenso wie die möglichen Kosten (die niemand aktuell genau beziffern will), die Abläufe der Prüfordnung und die Vorgehensweise der Veterinärämter von Bundesland zu Bundesland. Man sollte eigentlich meinen, ein Gesetz ist eine eindeutige Sache. Offenbar ist dies ein Irrtum.

Aber das Beste: All die neuen Regeln bezüglich des Erhaltes einer Erlaubnis nach §11 und der Berechtigung, Hunde zu trainieren, bezieht sich ausschließlich auf die gewerbliche Tätigkeit. Das heißt zu gut Deutsch: Jeder Vereinstrainer, der sich unter der Hand bezahlen lässt, aber kein Gewerbe angemeldet hat, darf weiter Hunde trainieren und therapieren, wie er es für richtig hält. Auch dann, wenn er – wie es in den Schutz- und Gebrauchshundevereinen ja leider gang und gäbe ist – mit mittelalterlichen Methoden und ohne jedes verhaltensbiologische Verständnis Hunde mit Stachelwürgern und Teletaktgeräten, Stockschlägen, Tritten und lautstarker Dominanz traktiert. Was das mit dem artgerechten Gedanken des §11 zu tun haben soll, und wie man sich bei derartigen Lücken in der Umsetzung des neuen Gesetzes und einer derart gelebten Willkür von Entscheidungen pro und kontra der einzelnen antragstellenden Person noch so selbstgefällig auf die Schulter klopfen kann wie es die Veterinärämter und Tierärztekammer derzeit tun, ist mir schier unbegreiflich.

Für mich ist derzeit nur eines klar: Hier hat mal wieder jemand eine Lücke gefunden, mit der sich bequem und schnell Geld scheffeln lässt. Zu Lasten der Tiere, die eigentlich mit diesem Gesetz und durch den mit der Umsetzung und Durchführung des §11 betrauten Personenkreises geschützt werden sollten.

Bravo Deutschland! Wenn das kein doppelter Schildbürgerstreich par exellence ist, was dann?

Ich bin wirklich FÜR eine bessere Überprüfung und Kontrolle von Züchtern, Haltern und Trainern von Hunden (und Tieren generell) und sehe es durchaus so, dass die Kompetenz und Verantwortung dazu bei den Veterinärämtern absolut richtig liegt. Aber bitte fair und unter Berücksichtigung aller Fakten bei jedem einzelnen. Solche Schnellschüsse in nur eine Richtung, bei der die wahren schwarzen Schafe auch noch völlig außer Acht gelassen werden, nutzen niemandem. Vor allem nicht den Tieren. Ich hoffe inständig, dass sich da in den nächsten Wochen und Monaten noch einiges an Umdenken und Entwicklung tun wird, sodass die Trainer, die bisher gewissenhaft und sachkundig ihre Arbeit durchgeführt haben, auch ohne große Stolpersteine weiter ihrer Berufung nachgehen können. Ich hoffe, dass es bei den Trainerscheinen wie auch dem Hundeführerschein für Halter angemessene Einzelentscheidungen  gibt und keine blinde Paragraphenreiterei mit Scheuklappen. Ich hoffe, dass die zuständigen Behörden letztlich auch dort weitermachen, wo es wirklich Not täte, nämlich bei den nicht offiziell gewerblich agierenden „Trainern“, und dort einen Riegel vorschieben vor falsch verstandener Dominanz und unzumutbaren Hilfsmitteln und Trainingsmethoden, mit denen noch immer Tiere gequält werden, um ihren Willen zu brechen, statt eine partnerschaftliche Teamverbindung aufzubauen.

Das alles wünsche ich mir, damit ich – und auch andere Tierfreunde – wirklich mit Freude auf die Änderungen des Tierschutzgesetzes und seines derzeit vieldiskutierten § 11 blicken können.

© Tanya Carpenter, August 2014

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